Chinas Arbeitsmarkt: Abschied vom Cheap-Labour-Modell

Die Volksrepublik China, lange Zeit als die „größte Werkbank der Welt“ und „Billiglohnland“ charakterisiert, ja geradezu verspottet, ist auf dem Weg, sich zu einem High-Tech-Standort zu entwickeln. Statt auf einfache Arbeitsvorgänge für schlecht ausgebildete, aber immer besser bezahlte Arbeitskräfte setzt das Land zunehmend auf wissensbasierte und automatisierte Produktion. Immer mehr Unternehmen reagieren mit Investitionen in Maschinen und Robotern. Gewinner sind die Arbeitnehmer.

Alt und Neu
Shanghai, im Juni 2013, Besichtigung einer Werkshalle der deutschen Firma ebm-pabst im Stadtteil Nanhui. An einer Werkbank sitzt ein halbes Dutzend junge Arbeiterinnen, die in großer Eile schwarze Plastikteile auf ein Metallgehäuse stecken, im Hintergrund dröhnen Maschinen, in der Halle riecht es penetrant nach Öl. Etwa handtellergroß sind die Lüfter, die das mittelständische Unternehmen aus Mulfingen in Baden-Württemberg hier zu Tausenden herstellen lässt. Es ist das gängige Bild von China, das sich dem Betrachter bietet: Handarbeit, ausgeführt im Akkord, in einer Arbeitsumgebung, die in Deutschland seit den 1980er Jahren der Vergangenheit angehört.

Doch ein Blick in die nächste Werkshalle lässt deutlich werden, welchen Wandel die Arbeit in dem Unternehmen durchläuft. Dort, nur wenige Meter entfernt, ist der moderne Teil der Fabrik zu sehen: Ein Reinraum, der an Bildschirmen von zwei Fachkräften überwacht wird; in ihm werden die Metallteile komplett von Industrierobotern mit Kunststoff umspritzt, garantiert ohne Staub. Das Endprodukt, ein moderner Kühl- ventilator, kaum größer als ein Eishockey-Puck, verbraucht deutlich weniger Strom als seine Vorläufer. Zudem nimmt er in den Kühltruhen, in denen er zum Einsatz kommt, kaum noch Platz in Anspruch. Ebm-pabst ist mit diesem Produkt zum Innovationsführer auf dem chinesischen Markt geworden. Sein Absatz hat inzwischen den der alten Ventilatoren überrundet.

Die Werkshalle in Nanhui steht stellvertretend für den Entwicklungsprozess, der sich gegenwärtig im gesamten Land vollzieht. Lange wurde China mit Billigprodukten identifiziert, die von schlecht bezahlten Hilfskräften und nicht selten unter Missachtung von Umweltstandards angefertigt wurden. Doch die Volksrepublik setzt gegenwärtig viel daran, dieses Image abzustreifen und zu einem Innovationszentrum für ausgewählte Bereiche und Weltmarktführer beim Export von High-Tech und Innovationstechnik zu werden.

Innovationszentren, Patente und Roboter, Roboter, Roboter …
China hat in den letzten Jahren – von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen – seine Qualitätsstandards im Industriebereich massiv angehoben. Inzwischen verfügt die Volksrepublik über mehr als 1000 Zentren für Forschung und Entwicklung. Die Forschungsgelder an den Hochschulen weisen seit Mitte des letzten Jahrzehnts zweistellige Steigerungsraten auf. Und nicht zuletzt bewegt sich die Zahl der angemeldeten Patente seit einigen Jahren weltweit an der Spitze.

Eine Schlüsselkomponente im aktuellen Innovationsprozess bildet die Automatisierung der Produktion. Dies hat die Regierung als Ziel in den zwölften Fünfjahresplan geschrieben. Mit roboterbasierten Anlagen kann schnell und flexibel in hoher Qualität produziert werden. Das schafft wiederum Kapazitäten für intellektuell anspruchsvollere Tätigkeiten mit höherer Wertschöpfung.

Dazu werden heimische Unternehmen in insgesamt 27 Industriebranchen, die von Handarbeit auf maschinelle Produktion umstellen, subventioniert. Es sind dies vor allem die Schlüsselindustrien wie Luftfahrt, Automobil, Eisenbahnbau, Elektronik und Rüstung, die mit leistungsfähigen Werkzeugmaschinen ausgestattet werden sollen. Allein der größte Arbeitgeber Chinas, der Apple-Zulieferer Foxconn mit Stammsitz in Taiwan, will bis Ende des Jahres 2013 eine Million Roboter einsetzen. Schon 2014 soll das Land zum größten Absatzmarkt für Roboter werden, heißt es beim Internationalen Verband für Robotik (IFR).

Verbesserte Arbeitsbedingungen
Getrieben wird diese Entwicklung durch ein sich verknappendes Angebot an Arbeits- kräften und drastisch gestiegenen Lohnkosten. Der „demographische Bonus“ der in den vergangenen Jahrzehnten in einer jährlich steigenden Zahl von Erwerbstätigen zum Ausdruck kam und für billige Arbeitskräfte sorgte, hat 2012 seinen Zenit überschritten; 2013 wird die Erwerbstätigenzahl des Landes erstmals schrumpfen.

Zugleich macht sich der Kostendruck, der vor allem von den steigenden Löhnen ausgeht, in vielen Unternehmen bemerkbar. So hat das im Jahre 2008 in Kraft getretene Arbeitsvertragsgesetz gerade die Rechte der mehr als 200 Millionen Wanderarbeitnehmer verbessert und die Arbeit teurer gemacht. Zudem ist der gesetzliche, auf Provinzebene vorgeschriebene Mindestlohn seit Beginn des letzten Jahrzehntes immer wieder und merklich angehoben worden; allein 2011 erhöhten 24 der 31 Provinzen die Mindestvergütung um durchschnittlich 20 Prozent.

Schließlich ist seit Mitte 2011 ein Sozialversicherungsgesetz in Kraft, das sich hin- sichtlich seiner Versicherungszweige, seiner Finanzierung und seines Leistungsspek- trums eng an das deutsche Vorbild anlehnt. Eine steigende Zahl von Versicherten und überproportional hohe Beiträge für die Arbeitgeber schieben die Arbeitskosten an. Diese haben sich seit 2006, als sie im Durchschnitt noch nur 3.100 Euro betrugen, auf ca. 6.000 Euro verdoppelt (Näheres zur Entwicklung der Arbeitsengelte und der Arbeitskosten  siehe die  aufschlussreiche Darstellung bei: http://www.schwaben.ihk. de/linkableblob/1369918/.8./data/Lohn_und_Lohnnebenkosten_China-data.pdf ). Das Cheap-Labour-Modell, das die Phase der Industrialisierung in den vergangenen 30 Jahren prägte, neigt sich dem Ende zu.

Gefahren für den Arbeitsmarkt?
Welche Folgen hat die Automatisierung für den Arbeitsmarkt? Was wird aus den Scharen angelernter Arbeitnehmer – ein Großteil verfügt lediglich über eine einfache Schuldbildung –, die durch die neuen Maschinen ihren Job verlieren? Werden sie in der Lage sein, qualifiziertere Tätigkeiten zu übernehmen?

Arbeitsmarktexperten sind zuversichtlich, dass eine Massenarbeitslosigkeit nicht auftreten wird, denn die Nachfrage nach Arbeit ist noch immer hoch und ein Roboter arbeitet ja nicht von alleine. Er muss programmiert und bedient werden. Zahlreiche Arbeitsschritte eignen sich nicht für eine Automatisierung, sie fallen zu komplex aus. Die Chancen, dass mit einer höherwertigen Fertigung Arbeitsplätze geschaffen werden, sind von daher nicht gering.

Das wäre ganz im Sinne von Arbeiterinnen wie Xu Xiaobing. Seit mehr als drei Jahren bedient sie die alte Stanzmaschine in der Werkshalle von Nanhui. Xu ist in der Provinz Hubei, gut 700 Kilometer von ihrem Arbeitsort entfernt, zu Hause. Umgerechnet 320 Euro verdient sie im Monat. „Ich will hier bleiben“, sagt sie.